Einer der hartnäckigsten Mythen über das Älterwerden lautet, dass Kraftverlust und körperlicher Abbau nach einem bestimmten Alter unvermeidlich und nicht mehr umkehrbar seien. Viele Menschen über 70 glauben, sie hätten ihre Chance verpasst, noch stärker oder fitter zu werden. Bewegung sei nur etwas für Menschen, die ihr Leben lang aktiv waren – oder im Alter sogar gefährlich.
Die Forschung widerspricht diesen Annahmen eindeutig. Studien zeigen immer wieder, dass Menschen in ihren Siebzigern, Achtzigern und sogar Neunzigern deutlich an Muskelkraft, Gleichgewicht, Beweglichkeit und Ausdauer gewinnen können, wenn sie richtig trainieren. Der Körper behält seine Fähigkeit zur Anpassung – unabhängig davon, wie spät man beginnt oder wie lange man zuvor inaktiv war.
Es ist wirklich nie zu spät, anzufangen.
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Die Wissenschaft hinter Krafttraining nach 70

Wenn ältere Erwachsene mit Krafttraining beginnen, reagieren ihre Muskeln überraschend ähnlich wie bei jüngeren Menschen. Zwar fallen die absoluten Kraftwerte meist niedriger aus als bei einem 30-Jährigen, doch die relativen Verbesserungen sind oft enorm.
Studien zeigen, dass zuvor inaktive Menschen über 70 ihre Muskelkraft innerhalb von 8 bis 12 Wochen um 25 bis 100 Prozent oder mehr steigern können – allein durch regelmäßiges, angepasstes Training.Warum das funktioniert:
- Muskelzellen können auch im Alter wachsen, wenn sie belastet werden
- Die Verbindung zwischen Gehirn und Muskeln (neuromuskuläre Koordination) verbessert sich
- Sehnen und Bindegewebe passen sich schrittweise an höhere Belastungen an
- Knochen reagieren auf Widerstandstraining mit höherer Dichte und Stabilität
Das Ziel ist dabei nicht sportliche Höchstleistung. Es geht um Selbstständigkeit, Sturzprävention, Umgang mit chronischen Erkrankungen und eine bessere Lebensqualität – Ziele, die in jedem Alter erreichbar sind.Vorteile, die weit über Muskelkraft hinausgehen
Der Nutzen von Bewegung nach 70 beschränkt sich nicht auf stärkere Muskeln:
- Besseres Gleichgewicht → geringeres Sturzrisiko
- Mehr Beweglichkeit → Alltagstätigkeiten fallen leichter
- Stärkere Knochen → weniger Brüche bei Stürzen
- Herz-Kreislauf-Gesundheit → mehr Ausdauer im Alltag
- Gehirnleistung → besseres Gedächtnis, geringeres Demenzrisiko
- Psychische Gesundheit → weniger Depressionen, mehr Selbstvertrauen
- Soziale Kontakte → weniger Einsamkeit durch Gruppenangebote
- Besserer Schlaf → regelmäßige Bewegung verbessert Schlafqualität
Kurz gesagt: Bewegung macht es möglich, das eigene Leben aktiv zu gestalten, statt es immer weiter einzuschränken.
Sicher starten: Das Wichtigste beim Einstieg
Der entscheidende Faktor ist ein sanfter, gut geplanter Beginn. Der häufigste Fehler ist ein zu ambitionierter Start, der zu Schmerzen, Verletzungen oder Frustration führt.
Vor dem Start sollte ärztlicher Rat eingeholt werden, besonders wenn:
- chronische Erkrankungen bestehen
- lange keine Bewegung stattgefunden hat
- Schwindel, Atemnot oder Brustschmerzen auftreten
- mehrere Medikamente eingenommen werden
Beginnen Sie mit sehr einfachen Übungen und geringer Belastung. Wenn anfangs nur drei oder vier Wiederholungen möglich sind, ist das völlig ausreichend. Wichtig ist Regelmäßigkeit, nicht Intensität.
Leichter Muskelkater nach 24–48 Stunden ist normal. Stechende Schmerzen, Gelenkschmerzen oder Beschwerden, die mehrere Tage anhalten, sollten jedoch abgeklärt werden.
Die wichtigsten Übungen für funktionelle Kraft
Nach 70 sollte Krafttraining vor allem alltagsrelevante Bewegungen trainieren:
Aufstehen und Hinsetzen (Stuhlstand)
Stärkt Beine und Rumpf – essenziell für:
- Aufstehen vom WC
- Ein- und Aussteigen aus dem Auto
- Aufstehen aus dem Bett
Anfangs dürfen die Hände helfen, später ohne Hände, dann langsamer oder mit Zusatzgewicht.
Wand- oder Küchentisch-Liegestütze
Trainieren Oberkörperkraft für:
- Schieben
- Tragen
- Abstützen
Fersenheben
Stärkt Waden und verbessert Gleichgewicht – wichtig fürs Gehen.
Halbe Kniebeugen
Fördern Kraft für Treppensteigen und Mobilität.
Stufensteigen
Simuliert eine der anspruchsvollsten Alltagsbewegungen.
Gleichgewichtstraining ist unverzichtbar
Stürze sind eine der häufigsten Ursachen für schwere Verletzungen im Alter. Tägliches Gleichgewichtstraining kann dieses Risiko deutlich senken.
Einfache Übungen:
- Einbeinstand mit Halt am Tisch
- Ferse-zu-Zehe-Gehen
- Stand mit geschlossenen Augen (kurz!)
- Tai Chi oder ähnliche langsame Bewegungsformen
Schon 5–10 Minuten täglich zeigen Wirkung.
Ausdauertraining für Herz und Lunge
Kraft allein reicht nicht. Auch das Herz-Kreislauf-System braucht Training.
Geeignete Formen:
- Spazierengehen
- Radfahren (auch Heimtrainer)
- Wassergymnastik
- Sitzgymnastik
Beginnen Sie mit kurzen Einheiten (5–10 Minuten) und steigern Sie zuerst die Dauer, nicht das Tempo.
Eine nachhaltige Routine aufbauen
Das beste Trainingsprogramm ist das, das Sie langfristig durchführen.
Tipps:
- Klein anfangen (z. B. 3×20 Minuten pro Woche)
- Feste Zeiten wählen
- Bewegung mit Gewohnheiten koppeln
- Mit Freunden trainieren oder Seniorenkurse besuchen
- Fortschritte dokumentieren
Häufige Hindernisse überwinden
- Zeitmangel: Auch 10 Minuten zählen
- Angst vor Verletzungen: Bewegung senkt das Risiko langfristig
- Scham: Zu Hause oder in altersgerechten Gruppen starten
- Chronische Schmerzen: Richtige Bewegung lindert oft Beschwerden
- Müdigkeit: Regelmäßige Bewegung steigert Energie
Die Rolle der Ernährung
Training braucht Unterstützung – vor allem durch Protein.
Empfehlung:
- 1,0–1,2 g Protein pro kg Körpergewicht täglich
- Eiweiß auf mehrere Mahlzeiten verteilen
Gute Quellen:
- Fisch, Fleisch, Eier
- Milchprodukte
- Hülsenfrüchte
- Eiweißshakes bei Appetitmangel
Auch ausreichendes Trinken ist wichtig.
Realistische Erwartungen – echte Fortschritte
Erfolge kommen schrittweise:
- Treppen fallen leichter
- Aufstehen geht flüssiger
- Gleichgewicht verbessert sich
- Sicherheit im Alltag wächst
Diese kleinen Veränderungen summieren sich. Wer mit 72 beginnt und dranbleibt, kann mit 75 deutlich selbstständiger sein, als es sonst möglich gewesen wäre.Professionelle Unterstützung nutzen
Ein gewisses Maß an Bewegung ist immer besser als gar keine. Doch gezielte Begleitung durch Fachkräfte erhöht Sicherheit und Erfolg deutlich.
Physiotherapeutinnen und -therapeuten können:
- Kraft, Gleichgewicht und Beweglichkeit beurteilen
- individuelle Trainingspläne erstellen
- korrekte Ausführung anleiten
- Fortschritte sicher begleiten
Fazit
Kraft, Balance und Ausdauer lassen sich in jedem Alter verbessern.
Nicht spektakulär. Aber wirksam.
Nicht schnell. Aber nachhaltig.
Es ist nie zu spät, dem eigenen Körper wieder zuzutrauen, stärker zu werden – Schritt für Schritt, im eigenen Tempo.
